LBV-Projekt

Pilzschutzprojekt gemeinsam mit dem LBV Bayern e.V.

Im Rahmen unserer Tagung 2023 in Nößwartling bei Arnschwang kam es unter anderem zu einem langen und sehr konstruktiven Gespräch mit Dr. Norbert Schäffer, dem Präsidenten des LBV Bayern. Als Folge haben der LBV und die BMG eine enge Zusammenarbeit begonnen, die in einem gemeinsamen Naturschutzprojekt münden soll. Wir sind im Moment im Stadium der Antragstellung. Wenn alles planmäßig ablaufen sollte, dann wird eine hohe sechsstellige bis niedrige siebenstellige Summe in den Pilzschutz in Bayern investiert werden. Als Projektkoordinator konnte Dr. Alexander Urban gewonnen werden. Fachlich wird Dr. Urban von Prof. Dr. Christian Wurzbacher (TU München) und Dr. Christoph Hahn (BMG) unterstützt.

Cuphophyllus russocoriaceus (Bild: R. Markones)
Gliophorus psittacinus (Bild: R. Markones)
Hygrocybe nitiosa (Bild: R. Markones)

Hier gibt es Infos zum Projekt beim LBV, Weitere Infos gibt es hier zum Pilzartenschutz in Bayern

Hygrocybe intermedia (Bild: R. Markones)
Hygrocybe intermedia (Bild: R. Markones)
Hygrocybe cantharellus (Bild: R. Markones)

Pilzartenschutz in Bayern mit Schwerpunkt Offenlandlebensräume und Feuchtgebiete

Das Projekt „Pilzartenschutz in Bayern“ fokussiert sich auf den Schutz gefährdeter Großpilze in Offenlandlebensräumen und Feuchtgebieten. Es kombiniert Kartierung, Citizen-Science-Projekte und innovative Ansätze wie Metabarcoding, um die Biodiversität zu erfassen und Naturschutzmaßnahmen zu optimieren. Ziel ist die Wiederansiedlung seltener Pilzarten und die Sicherung ihrer Lebensräume u. a. durch Mähgutübertragung und Sodenversetzung. Durch eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit wird ein Betreuungs- und Mitarbeiternetzwerk aufgebaut. Zudem ist eine Arten-Bestimmungshilfe mit dem Arbeitstitel „Pilze des Offenlands“ vorgesehen. Maßnahmenträger ist der LBV – Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern e.V. in Trägergemeinschaft mit der Bayerischen Mykologischen Gesellschaft e.V. (BMG) und in Kooperation mit der Universität Bayreuth. Der Bayerische Naturschutzfonds unterstützt bis Ende 2029 das Projekt mit 763.929 Euro, der LBV übernimmt 134.811 Euro Anteilsfinanzierung. Insgesamt stehen also für das Projekt knapp 900.000 Euro zur Verfügung, um Pilzschutz in Bayern voranzutreiben.

Das Gesamtprojekt lässt sich kurz wie folgt gliedern:

  • Pilze als Indikatoren für die Naturschutzpraxis (Wertigkeit von Offenlandflächen mit CHEGD)
  • Handreichung „Pilze des Offenlands“ für den praktischen Naturschutz
  • Artenhilfsprojekte (Gloiodon strigosus, Haasiella venustissima, CHEGD-Arten)
  • Citizen Science-Projekt Spechthöhlenkartierung

Als Projektkoordinatorin konnte mit Frau Lotte Krüger eine Mitarbeiterin, die viel Erfahrung in der Leitung von Naturschutzprojekten hat, gewonnen werden (siehe auch ihre Vorstellung in der MycBav).

Was versteht man unter CHEGD? Die Abkürzung steht für Clavariaceae s.l. (Wiesenkeulchen), Hygrocybe s.l. (Saftlinge i.w.S. die Ellerlinge), E für Entoloma, G für Geoglossaceae s.l. (Erdzungen i.w.S.) und D für Dermoloma i.w.S. (inklusive Gattungen wie Hodophilus oder auch die ehemalige Gattung Porpoloma). Die Vielfalt der Arten aus diesen fünf Gruppen wird verwendet, um den Wert einer Offenlandfläche durch die Pilzvorkommen zu evaluieren. Dieses System wird seit Jahrzehnten erfolgreich z. B. in Skandinavien und Großbritannien angewendet. Dieses Bewertungssystem soll nun auf LBV-Schutzgebieten eingesetzt werden. Flächen mit geringerem Wert sollen im Zustand und Bestand verbessert werden. Flächen mit einem hohen Wert gemäß des CHEGD-Systems dienen als besonders zu schützende Vorbildsflächen.

Das CHEGD-System soll, damit es auch als wirksame Methode im angewandten Naturschutz dienen kann, auch von Nicht-Expertinnen und -experten nach entsprechender Schulung anwendbar sein. Ein großes Problem stellt hier die Bestimmung der Arten dar. Wer versucht, kleine, blaustielige Rötlinge in Magerrasen zu bestimmen, kann ein Lied davon singen. Ohne Sequenzierung ist eine Bestimmung oftmals nur vorläufig. Auch die Gattung Dermoloma hat dank einer aktuellen Studie eine viel größere Diversität als bislang gedacht. Die Bestimmbarkeit der vielen neuen Arten erscheint klassisch aber als schwierig.

Das CHEGD-System wird daher nicht durch exakte Bestimmung z. B. der vorkommenden Entoloma-Arten, sondern durch die Vielfalt der Morphotypen anwendbar. Auch ohne den genauen Artnamen zu kennen, kann man eine Mindestzahl von auftretenden Arten abschätzen. Da das CHEGD-System primär makroskopisch angewendet werden soll, weil es ein Bewertungssystem ist, dass auch durch geschulte Nicht-Mykologen/-innen angewandt werden soll, ist letzten Endes dies nur über Morphotypen möglich. So soll die Artendiversität vergleichend geschätzt werden.

Hygrocybe phaeococcinea (Foto: Ch. Hahn)
Clavaria amethystina (Foto: Ch. Hahn)

In Bezug auf die Saftlinge gibt es Alternativkonzepte, die z.B. die Einzelarten unterschiedlich gewichten. Hier wäre für einen Abgleich der CHEGD-Methode mit diesen Alternativkonzepten eine verlässliche Artbestimmung nötig.
Text: Dr. Ch. Hahn


Folgendes soll von den Kartierenden umgesetzt werden:

Kartierung der Offenlandflächen in Bezug auf die oben genannten CHEGD-Arten sowie weiterer, seltener, naturschutzfachlich relevanter Arten. Die Bestimmung erfolgt bei schwer bestimmbaren Gruppen wie oben schon beschrieben auf Ebene von Morphotypen. Die auftretenden Arten der Roten Liste 1 und 2 sollen zudem fotografiert werden. Die zu kartierenden Flächen sollen ca. 1.000 m2 umfassen, können aber in größeren Offenlandbereichen liegen. Hier soll dann auf Hotspots innerhalb der Wiesenflächen geachtet werden und diese dann als Probeflächen kartiert werden. Es sind zwei Begehungen pro Jahr vorgesehen. Hier helfen die Gebietsbetreuer/innen des LBV mit, indem sie die Flächen regelmäßig besuchen und bei auffallend üppigem Pilzvorkommen den Kartierern Bescheid geben.

Parallel zur klassischen Kartierung ist ein Metabarcoding auf den Untersuchungsflächen geplant. Hierbei wird die gesamte pilzliche DNA aus Bodenproben sequenziert. Die Ergebnisse werden mit den einschlägigen Datenbanken wie z.B. GenBank abgeglichen, um so auf einem anderen Weg die Diversität der CHEGD-Arten abzuschätzen und mit den Ergebnissen der klassischen Kartierung verglichen.

Ausgehend von den Kartierungsdaten sollen weniger wertvolle Flächen in ihrer Qualität verbessert werden. Hierfür wird die Pflege der Flächen an die Pilzvorkommen angepasst und auch die Ansalbung/Übertragung von CHEGD-Arten auf diese Flächen, insbesondere von Saftlingen i.w.S., erfolgen.

Um das CHEGD-System und insgesamt die Verwendung von Pilzen als Zeigerorganismen im Naturschutz zu etablieren, wird eine Handreichung „Zeigerpilze Bayerns“ vorbereitet. Hierfür werden u.a. Fotos von naturschutzfachlich relevanten Arten gesucht.

Gloiodon strigosus (Foto: Ch. Hahn)

Gloiodon strigosus und Haasiella venustissima sind aktuell nur je von einem rezenten Fundpunkt in Bayern (bei ersterem in Deutschland) bekannt. Gloiodon strigosus ist zudem in Mitteleuropa sehr stark rückläufig. Haasiella venustissima im Nachbarbundesland Baden-Württemberg ebenfalls stark rückläufig. Beide Arten sollen vom Aussterben in Bayern bewahrt werden. Hierfür wird u.a. versucht, beide Arten in Kultur zu nehmen und Totholz mit ihrem Myzel zu beimpfen. Hierfür konnte die Universität Bayreuth unter Federführung von Prof. Dr. Claus Bässler als Projektpartner gewonnen werden.

Als Citizen Science-Projekt wird schließlich zu einer Spechthöhlenkartierung aufgerufen. Alle Naturfreundinnen und -freunde können mitwirken, indem sie bei Spaziergängen Spechthöhlenbäume, die sie entdecken, fotografieren. Hierbei soll insbesondere auf das Vorkommen von Porlingsfruchtkörpern am gleichen Baum geachtet werden und auch diese fotografiert werden. Die Daten werden schließlich statistisch ausgewertet. Auf diesem Weg soll der Wert der Großporlinge und holzabbauenden Pilze insgesamt im Kreis von Natur- und Vogelliebhabern verdeutlicht werden. Und wer weiß? Vielleicht wird so auch Inonotus nidus-pici, der Spechthöhlen-Schillerporling gefunden und kartiert.

Ich freue mich ungemein auf das Projekt und bin sicher, dass die Projektziele erreicht werden können. Es ist das bislang größte Pilzschutzprojekt Bayerns. Möglich wurde es dank der Zusammenarbeit mit dem LBV Bayern. Wir, die BMG, konnten nicht nur den Vorsitzenden des LBV, Herrn Norbert Schäffer, für den Schutz der heimischen Pilze begeistern, sondern auch den gesamten Vorstand des LBV. Das Landesamt für Umweltschutz in Augsburg hat die Projektidee als höchst förderwürdig eingestuft und trotz der aktuellen Knappheit des Haushalts hat der Bayerische Umweltfonds das Projekt großzügig gefördert. Ich möchte mich auf diesem Weg herzlichst bei allen Beteiligten bedanken. Dies betrifft insbesondere den LBV, ohne dessen Beitrag, insbesondere auch der Übernahme der Eigenfinanzierung, dieses Projekt in dieser Form gar nicht möglich gewesen wäre.
Text: Dr. Ch. Hahn

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