17. BMG-Tagung 2025 Augsburg
Ein facettenreicher Rückblick voller Pilze, Geschichten und Staunen
Vom 1. bis 6. Oktober 2025 verwandelte sich das Umweltbildungszentrum (UBZ) am Botanischen Garten in Augsburg in ein wahres Pilzparadies. Die 17. Bayerische Mykologische Tagung, organisiert von der Bayerischen Mykologischen Gesellschaft (BMG) und dem Pilzverein Augsburg-Königsbrunn e.V., stand ganz im Zeichen des 70-jährigen Jubiläums des Vereins. Unter der Leitung von Günther Groß erwartete die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Programm, das Fachwissen, praktische Exkursionen, wissenschaftliche Projekte, kulturelle Highlights und einige Anekdoten miteinander verband.
Auftakt in Augsburg: Pilze als Hauptdarsteller
Die Tagung begann am 1. Oktober, zunächst unspektakulär mit der gewohnten Anmeldung und dem Aufbau der Mikroskopier-Arbeitsplätze der knapp 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Am Abend eröffnete dann Günther Groß die Veranstaltung mit einem Grußwort, Tobias Luschner von Pilzverein Augsburg-Königsbrunn e.V. stellte den Gästen die Geologie der Exkursionsgebiete rund um Augsburg vor: Der Stadtwald von Augsburg mit den Westlichen Wäldern und den Lechebenen, das Wittelsbacher Land Richtung Aichach und der Mertinger Forst standen auf dem Programm. Besonders aber das Nördlinger Ries, ein Meteoriteneinschlagskrater mit seiner ungewöhnlichen Flora und Fauna, sorgte für Vorfreude auf die bevorstehenden gemeinsamen Ausflüge.
Exkursionen: Funde zwischen Stadtwald und Riesalb
Am nächsten Tag starteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer früh morgens zu den ausgewählten Exkursionsgebieten, die bequem mit einem Bus angefahren wurden. Ausgestattet mit Körben, Lupen und Kameras begaben sie sich in die unterschiedlichen Habitate, um Pilze zu sammeln und die Fundorte zu dokumentieren. Nach der Rückkehr in die Tagungsstätte wurden die gesammelten Exemplare sorgfältig aufbereitet und wenn nötig auch mikroskopisch bestimmt. Die anschließenden Fundbesprechungen boten Gelegenheit zum fachlichen Austausch, zur Klärung schwieriger Bestimmungsfragen und zur Diskussion ökologischer Zusammenhänge. Dabei zeigte sich einmal mehr die Vielfalt der bayerischen Pilzflora: von seltenen, spezialisierten Arten trockener und magerer Standorte bis hin zu bekannten Speisepilzen, die unter veränderten klimatischen Bedingungen zunehmend neue Areale besiedeln.


Absage der Exkursion am Sonntag
Leider gab es am letzten Tag einen Wermutstropfen für Organisatoren und Teilnehmende: Nach langer und ausführlicher Diskussion entschied die Vorstandschaft, die geplante Fahrt ins Nördlinger Ries aufgrund der angekündigten starken Windböen abzusagen. Schließlich sollte niemand der Teilnehmenden durch herabfallende Äste gefährdet oder gar verletzt werden. Die Enttäuschung war groß, doch zeigten fast alle Verständnis für die Entscheidung. Nach eingehender Beratung entschieden sich die meisten schließlich, auf eigene Faust zu den Exkursionsgebieten zu fahren und dabei den Wald zu meiden. Glücklicherweise kehrten alle wohlbehalten zur Tagungsstätte zurück – und die Funde sorgten trotz allem für große Freude.
Pilzausstellung vor dem Umweltbildungszentrum
Parallel zu den Exkursionen wurde vor der Tagungshalle eine umfangreiche Pilzausstellung aufgebaut, die durch einige der gesammelten Funde bestückt und von erfahrenen Mitgliedern des Augsburger Vereins betreut wurde. Sie präsentierte die Vielfalt der regionalen Pilzflora – von essbaren bis zu giftigen Arten – und bot Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, sich über ökologische Zusammenhänge, Bestimmungsmerkmale und Schutzaspekte zu informieren. Die von der interessierten Öffentlichkeit gut besuchte Ausstellung verband wissenschaftliche Information mit anschaulicher Vermittlung und trug so zur öffentlichen Sensibilisierung für die Bedeutung der Pilze in natürlichen Ökosystemen bei.
Fachvorträge: Aktuelle Forschung und regionale Einblicke
Der Samstag stand ganz im Zeichen der Theorie. Es gab spannende Fachvorträge, die Mitgliederversammlung der BMG und einiges Wissenswertes für die Fortbildung der PilzberaterBMG. Schon am Morgen begann die Vortragsreihe, die inhaltlich ein breites Spektrum mykologischer und naturschutzbezogener Themen abdeckte. Neben fachlicher Tiefe überzeugten die Beiträge durch anschauliche Darstellungen und praxisnahe Bezüge.
Dr. Eberhard Pfeuffer widmete sich in seinem Vortrag den Veränderungen der Biodiversität im Raum Augsburg. Anhand historischer und aktueller Daten zeigte er, wie stark die Landschaft durch menschliche Eingriffe und klimatische Veränderungen geprägt wurde. Einst waren der Lech und die Wertach wilde, dynamische Flüsse, deren Auen vielfältige Lebensräume für Pflanzen, Amphibien und Vögel boten. Heute sind große Teile dieser Landschaften reguliert, was erhebliche Auswirkungen auf die Artenzusammensetzung und die ökologischen Wechselwirkungen hat. Ab den 1920er Jahren wurde jedoch die Natur gezähmt: Betonwannen, Staustufen und andere menschliche Eingriffe veränderten den Fluss radikal. Pfeuffer zeigte anschaulich, wie sich die Artenzusammensetzung verschoben hat: Manche Arten verschwinden, andere – darunter wärmeliebende Pilze und Tiere – wandern ein. Er sprach von einer „lautlosen Invasion“ der Pilze, und man konnte sich bildhaft vorstellen, wie sie still und heimlich die Natur erobern.

Dr. Eberhard Pfeuffer beim Fachsimpeln mit Werner Jurkeit
Ein weiteres Highlight der Tagung war der Vortrag von Tobias Luschner über „Pilze am Ätna“. Gemeinsam mit dem Naturfotografen Georg Schnabel begab sich Luschner auf eine Pilzexkursion in die faszinierende Vulkanlandschaft Siziliens. Schnabel wurde zunächst überredet, an der Reise teilzunehmen, war danach jedoch völlig begeistert von den beeindruckenden Kontrasten der Landschaft – schließlich boten zum Beispiel leuchtend gelbe Pfifferlinge auf schwarzem Lavauntergrund ein außergewöhnliches Fotomotiv. Doch die Reise war nicht nur von ästhetischen Eindrücken geprägt: Ein Teil der Kameraausrüstung, einschließlich wertvoller Objektive, wurde gestohlen, was die Qualität der Fotos beeinträchtigte – die faszinierten Zuhörer bemerkten davon aber nichts. Vielmehr vermitteln die entstandenen Aufnahmen eindrucksvoll die Vielfalt der Pilzarten, die in dieser einzigartigen Umgebung gedeihen. Die Exkursion von Luschner und Schnabel bot somit nicht nur einen visuellen Genuss, sondern auch einen tiefen Einblick in die faszinierende Welt der Pilze am Ätna. Die Teilnehmer des Vortrags waren gleichermaßen beeindruckt von der Schönheit der Landschaft und der Vielfalt der Pilzarten, die in dieser einzigartigen Umgebung gedeihen.
Auf den anschließenden Vortrag von Dr. Christoph Hahn warteten viele der Anwesenden schon mit größter Neugierde: Der BMG-Präsident stellte das große bayerische Pilzschutzprojekt vor, dessen Fokus auf Offenlandlebensräumen und Feuchtgebieten liegt und in Kooperation mit dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) durchgeführt wird. Gefördert durch den Bayerischen Naturschutzfonds mit 763.929 Euro, sollen seltene Pilzarten gezielt geschützt werden. Ab dem 16. Oktober 2025 wird Lotte Krüger die Projektkoordination übernehmen. Sie bringt als Master of Science in Biologie sowohl Fachwissen als auch praktische Erfahrung, Kommunikationsgeschick und frischen Enthusiasmus mit – eine perfekte Mischung für ein Projekt dieser Größenordnung, wie man sich in der Zuhörerschaft einig war.
- Artenhilfsprojekt – gezielte Suche, Sicherung und Förderung seltener Pilzarten, darunter Gloiodon strigosus und Haasiella venustissima.
- Pilze als Indikatoren für Naturschutzwert – Bewertung der ökologischen Wertigkeit von Offenlandflächen anhand bestimmter Zeigerarten wie Clavaricaceae s.l., Hygrocybe s.l., Entoloma, Geoglossoide Pilze oder Dermoloma s.l.
- Atlas der Offenlandpilze Bayerns – Erstellung eines umfassenden Atlanten mit rund 200 Arten, vor allem aus dem CHEGD-Komplex.
- Citizen Science-Projekt „Spechthöhlenkartierung“ – Bürgerinnen und Bürger können Fotos von Spechthöhlen hochladen, um herauszufinden, ob Großporlinge wie Fomitiporia robusta oder Inonotus nidus-pici vorhanden sind und welche Baumarten besiedelt sind. Ziel ist, den Zusammenhang zwischen Tier, Baum und Pilz für die Öffentlichkeit sichtbar und nachvollziehbar zu machen.
Unterstützen werden in enger Kooperation mit der Projektleitung die bekannten Experten Prof. Dr. Claus Bässler (Laborarbeit, Uni Bayreuth), Prof. Dr. Christian Wurzbacher (fachliche Beratung, TUM) und Dr. Anze Zerdoner Calasan (fachliche Beratung, Bayerische Staatssammlung). Das Projekt setzt neue Maßstäbe für den schutzorientierten Umgang mit Pilzen in Bayern und zeigt eindrucksvoll, wie Wissenschaft, Naturschutz und Bürgerbeteiligung zusammenwirken können.
Rudi Markones widmete seinen Vortrag den „Verantwortungsarten“ in Deutschland – Pilzen, für die ein Land eine besondere Verantwortung hat. Kriterien hierfür sind der prozentuale Anteil am Weltbestand, die Lage innerhalb des Weltareals und die weltweite Gefährdung der Art. Markones wies darauf hin, dass seit 2010 auch Pilze neben Pflanzen und Tieren offiziell im Naturschutz berücksichtigt werden können. 92 Verantwortungsarten gibt es in Deutschland, 81 davon in Bayern. Markones zeigte 69 Arten in eindrucksvollen Bildern. Idealerweise sollten diese Arten auch für Nicht-Mykologen einigermaßen leicht bestimmbar sein, wobei er mit einem Schmunzeln anmerkte: „Das ist aber nicht wirklich ganz so einfach wie man es sich wünschen würde“.

70 Jahre Pilzverein Augsburg-Königsbrunn: 70 Jahre Engagement für die Pilzkunde
Der Pilzverein Augsburg-Königsbrunn begeht heuer sein 70-jähriges Bestehen und würdigte damit sieben Jahrzehnte intensiver Arbeit für Pilzkunde, Naturschutz und Umweltbildung. Seit 1955 setzt sich der Verein für die Förderung der Mykologie, die Aufklärung über essbare und giftige Pilze sowie für den Schutz heimischer Arten ein. Im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung während der BMG-Tagung stand zunächst eine Führung durch das Naturmuseum Königsbrunn “Der Lech und seine Heiden“ auf dem Programm. Günther Groß, Vorsitzender des Naturmuseums und zugleich Leiter des Pilzvereins, führte persönlich durch die Ausstellung, deren wissenschaftliche Sammlung er seit vielen Jahren federführend betreut und kontinuierlich erweitert. Die detailreichen und mit viel Einfühlungsvermögen gestalteten Dioramen des Museums veranschaulichen typische Lebensräume der Region um Augsburg – von Flussauen über Wälder bis zu Pilzstandorten – und zeigen Flora und Fauna in didaktisch durchdachter und ästhetisch ansprechender Form. Besucherinnen und Besucher erhielten dabei eindrucksvolle Einblicke in die ökologische Vielfalt des Lechfeldes und die Veränderungen der Landschaft im Laufe der Jahrzehnte.


Im Anschluss an die Museumsführung fand im Vereinslokal gleich neben dem Museum der Festabend statt. Der bekannte Chemiker und Philosoph Prof. Dr. Jens Soentgen, wissenschaftlicher Leiter des Wissenschaftszentrums Umwelt der Universität Augsburg, sprach über „Natur als Passion“. Dabei beleuchtete er die Bedeutung von Natur, Pilzen und Biodiversität aus einer leidenschaftlich-persönlichen Perspektive und sprach damit so manchem aus dem Herzen. Zugleich würdigte in seinem Beitrag die Bedeutung ehrenamtlichen Engagements für den Naturschutz sowie den Beitrag lokaler Vereine zur Bewahrung der Biodiversität. Der Abend bot Gelegenheit zu persönlichen Begegnungen, zum Austausch fachlicher Erfahrungen und zur Würdigung des langjährigen Wirkens des Vereins. Außerdem erhielten jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer ein kleines Präsent des Pilzvereins, über das sich alle Anwesenden sehr erfreuten und das die feierliche Atmosphäre zusätzlich unterstrich.
Pilzberaterfortbildung: Praxis und Verantwortung
Traditionell ist ein zentrales Element der Tagung die Fortbildung für Pilzberaterinnen und Pilzberater, die auch diesem Jahr von Dr. Christoph Hahn geleitet wurde. Trotz eines kürzlich erlittenen Unfalls und unter Nutzung von Krücken vermittelte Dr. Christoph Hahn mit bemerkenswerter Energie und Professionalität die komplexen Aufgaben und Verantwortlichkeiten Pilzberater. Der Austausch der Anwesenden bot für alle die Möglichkeit, ihre Rolle als Beraterinnen und Berater verantwortungsvoll zu reflektieren und zu vertiefen. Anhand konkreter Fallbeispiele wurde deutlich, wie wichtig ein besonnenes Vorgehen ist. So berichtete Dr. Thomas Sendor als erfahrener Münchner Pilzberater von einem typischen Szenario: Ein Kind hatte einen kleinen braunen Pilz gegessen, und die Eltern übersenden ein Foto über WhatsApp zur Bestimmung. Dr. Christoph Hahn betonte, dass eine zuverlässige Bestimmung auf diesem Weg auf keinen Fall möglich sei. Dabei ist vor allem die psychologische Wirkung der Beratung auf die Eltern ein wichtiger Aspekt, was heißt: beruhigen, sachlich informieren und die Situation einordnen. Die endgültige Entscheidung über medizinische Maßnahmen liege stets beim behandelnden Arzt. Kurios erscheinen Fälle von aus rohen Pilzen zubereiteten „Chips“, die verzehrt wurden. Hier zeige sich, dass Vergiftungen häufig auf Unwissenheit und Leichtsinn zurückzuführen sind. Außerdem machte Dr. Christoph Hahn deutlich, dass die Aufgabe von Pilzberaterinnen und Pilzberatern nicht darin bestehe, als „kostenlose Aussortierstation“ zu fungieren. Vielmehr sollen sie die Fragenden befähigen, zukünftig eigenständig sichere Entscheidungen im Umgang mit Pilzen zu treffen.
Neben der fachlichen Expertise wurde auch die rechtliche Absicherung der Berater thematisiert. Besonders bei Exkursionen sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon im Vorfeld auf potenzielle Risiken hinzuweisen, wie etwa Zecken, unsicheres Gelände, Stolperfallen durch Totholz, herumschnalzende Äste oder giftige Pflanzen. Die Beratung und Führungen erfolgen stets ehrenamtlich.
Die Fortbildung machte wieder deutlich, dass Pilzberatung nicht nur fachliches Wissen erfordert, sondern auch Empathie, psychologisches Feingefühl und ein hohes Verantwortungsbewusstsein.
Fazit: Pilze, Spaß und Staunen
Am Ende dieser ereignisreichen Tage blieb vor allem eines: die Freude an der Vielfalt der Pilze – und an der Gemeinschaft, die sie verbindet. Fachlicher Austausch, inspirierende Begegnungen und unzählige spannende Entdeckungen machten die 17. Bayerische Mykologische Tagung für alle wieder zu einem besonderen Erlebnis. Schon jetzt wächst die Vorfreude auf das nächste Wiedersehen 2026 in der Oberpfalz – mit neuen Funden, neuen Geschichten und der gleichen Leidenschaft für die Welt der Pilze.
Text/Bilder: Cornelia Euringer-Klose